Ein Berufsstand versucht sich selbst abzuschaffen

Ein Kommentar von Sascha Fiek zum Verkehrsgerichtstag im Goslar

Mit einer ambitionierten und ehrgeizigen Reformagenda zur Neufassung des Fahrlehrergesetzes waren die Vertreter der Ministerien zum Verkehrsgerichtstag nach Goslar gereist, um eine Modernisierung des in die Jahre gekommenen Fahrlehrerrechts in die Wege zu leiten. Schon seit einiger Zeit gab es Bestrebungen, die mit großen Nachwussorgen behaftete und unter Fachkräftemangel leidende Fahrschulbranche von rechtlicher Seite her zu reformieren. Goslar sollte dafür auch ein öffentliches Zeichen werden, um die nächsten Schritte auf der politischen Bühne voranzubringen. 

Unterschätzt wurde allerdings der erbitterte Widerstand seitens der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, die es darauf angelegt zu haben schien, das Reformpaket komplett durchfallen zu lassen. Denn nahezu jeder Reformvorschlag wurde in Goslar mehrheitlich entweder torpediert oder gar ins Gegenteil verkehrt. So sollte ursprünglich die Ausbildung zum Fahrlehrer dahingehend geändert werden, dass sie für größere Teile der Bevölkerung attraktiv und realisierbar wird. Stattdessen sollen nach dem Wunsch der Fahrlehrerschaft die Hürden nun derart erhöht werden, dass die Berufsausbildung für viele unerreichbar wird. Denn die jetzt geforderte zweistufige Ausbildung mit vorgeschalteter praktischer Prüfung,  die deutliche Verlängerung der Ausbildungszeit und die erzwungene Beibehaltung eines Motorrad- und LKW- bzw. Busführerscheins als Zugangsvoraussetzung, werden die Kosten und die Dauer derart erhöhen, dass die ohnehin schon zu geringe Zahl an Fahrlehreranwärtern weiter sinken dürfte. So fragte dann auch der sichtlich irritierte Vertreter des Baden-Württembergischen Verkehrministeriums, Thomas Kirschner,  in die Runde, wie denn künftig die Fahrlehrerschaft auf diese Weise und mit solchen Beschlüssen überhaupt noch Personalnachwuchs generieren wolle. 

Auch das sonst in der Bevölkerung eigentlich beliebte Thema Entbürokratisierung wurde von den großen Fahrlehrerverbänden scharf attackiert. Anscheinend sind manche Vertreter der Branche derart an das völlig ausgeuferte  Formular- und Unterschriftenwesen gewöhnt, dass sie gar nicht mehr davon lassen wollen. So wurde beispielsweise leidenschaftlich  in der Runde für den Erhalt des Berichtshefts für Fahrlehrereranwärter gestritten, als ob der Verzicht auf nämliches den Untergang des Abendlands bedeuten würde. Dass diese Berichtshefte üblicherweise von den Azubis nur per copy und paste bearbeitet werden und damit völlig sinnentleert sind, wurde zumindest mehrheitlich einer  Realitätsverweigerung unterworfen, die sich auch in anderen Bereichen in diesen beiden Tagen immer wieder zeigte. 

Wenigstens bei der geplanten Abschaffung des Tagesnachweises und einer behutsamen Aufweichung der zahlenmäßigen Zweigstellenbeschränkung konnten die Betonköpfe in einer Zitterpartie bei den Abstimmungen knapp überstimmt werden, so dass zumindest minimale Reformschritte auf eine dünne Mehrheit gestoßen sind. 

So blieb am Ende das Gefühl, dass die Verbandsvertreter zu Totengräbern des eigenen Berufsstands werden wollten. Denn man sollte nicht vergessen, dass die Reform des Fahrlehrergesetzes dabei eigentlich eine verhältnismäßig einfache Übung sein müsste im Vergleich zu den großen Herausforderungen der Zukunft. Schließlich ist es die Ausbildung der Fahrschülerinnen und Fahrschüler, die vor den eigentlich großen Umwälzungen steht. Ob blended learning, Nutzung von Simulatoren oder der Umgang mit immer differenzierteren Fahrassistenzsystemen, an vielen Stellen wird es zu tiefgreifenden Veränderungen kommen müssen. Eine berufsständische Vertretung, die schon die kleinen Schritte nicht mitgehen will, muss bei einem solche großen Projekt erst recht an ihre Grenzen kommen. 

So bleibt schlussendlich nur die Hoffnung, dass die zuständige Vertreterin des Bundesverkehrsministeriums, Frau Bartelt-Lehrfeld, in ihrem unermüdlichen Einsatz für die Fahrschulbranche nicht nachlässt und sich von der Garde der Reformverweigerer nicht beirren lässt. Denn nach Goslar 2016 sind mehr denn je diejenigen Kräfte gefragt, die mit Weitblick die Zukunft gestalten,  anstatt die Vergangenheit zementieren zu wollen.

9 thoughts on Ein Berufsstand versucht sich selbst abzuschaffen

  1. Wenn es also nach Ihrer Auffassung ginge, sollten wir auch dafür sorgen dass das BKFQG wieder abgeschafft wird, damit die Branche wieder mehr billige LKW Fahrer bekommt !

    • Das BKrFQG und das FahrlG kann man hinsichtlich der zu reformierenden Dinge sicher nicht miteinander vergleichen. Da wir selbst sehr in der Berufskraftfahrerausbildung aktiv sind, möchte ich es so formulieren. Eine vertiefte und über Fortbildung auch verstetigte Ausbildung von Berufskraftfahrern war gerade mit Blick auf manche Staaten innerhalb Europas sehr sinnvoll. Allerdings ist die Ausgestaltung und die Art der Umsetzung in nationales Recht so erfolgt, dass ich mir in der Tat auch dort Reformschritte wünschen würde. Dies muss allerdings keinesfalls mit Qualitätseinbußen einhergehen.

  2. Nein, das stimmt nicht. Warum sollten wir die Vorraussetzungen herunter setzen. Damit wir 50jährige Umschüler bekommen, die den Berufsstand auch nicht weiterbringen? Wir sind Experten, die auch guten Nachwuchs brauchen, und nicht irgendjemanden, nur weil er vom Arbeitsamt gefördert wird…
    Wir bilden auch Kaufleute für Bürokommunikation aus, und ohne mittleren Bildungsabschluss braucht man sich bei uns nicht zu bewerben. Warum sollen wir minderqualifizizierte Anwärter zum Fahrlehrer akzeptieren? Wir müssen unseren Berufsstand aufwerten und nicht abwerten…

    • Richtig ist, dass wir unseren Berufsstand aufwerten müssen. Dazu zählen für mich aber auch in erster Linie vernünftige Arbeitsbedingungen und damit insbesondere die dringende Verbesserung der Angestelltenkultur und Verdienstmöglichkeiten, die den Anforderungen an den Beruf gerecht werden. Die derzeitige Struktur der Fahrschulbranche hat hier großen Veränderungsbedarf. Die derzeitige Ausbildung von Fahrlehrern befindet sich allerdings durchaus auf hohem Niveau. Ich habe das Gefühl, dass oftmals von Menschen über die Art der Ausbildung gesprochen wird, ohne dass sie diese in ihrer reformierten Form (nach 2001) angeschaut oder selbst durchlaufen haben. Ich war durchaus mit der Herabsetzung des Schulabschlusses einverstanden zusammen mit der Ergänzungsklausel, dass man in Einzelfällen auch über einen Eingangstest zugelassen werden kann, falls der Schulabschluss nicht erreicht wird. Das Vorziehen der fahrpraktischen Prüfung und diese damit völlig aus dem Ausbildungszusammenhang herauszureißen, halte ich für völlig falsch. Ich selbst habe viele Menschen auf diese Prüfung vorbereitet. Ich halte es für sinnvoll, dass dies ein Teil der Ausbildung ist und nicht eine völlig getrennte Maßnahme vorweg, die dann als Zugangsvoraussetzung dienen soll. Denn so wird die Ausbildung getrennt und komplizierter und das ohne Not. Das sture Beharren auf dem Besitz der Führerscheine A und C halte ich nunmal auch für nicht mehr zeitgemäß. Ich selbst hatte durchaus Sympathien dafür, wenigstens einige Fahrstunden in die Ausbildung mit aufzunehmen, um den Fahrlehreranwärtern diese Fahrzeuge näher zu bringen. Wir hätten durchaus einige Reformen auf den Weg bringen können, die die Hürden hätten senken können, ohne dabei Qualitätsverluste zu erleiden. Aber das war nicht gewollt.
      Denn jetzt soll es teurer, länger und schwieriger werden. Uns fehlen heute locker schon 1000 neue Fahrlehrer jährlich. Wenn wir die Hürden jetzt noch höher schrauben, werden wir bald gar keine Fahrschüler mehr ausbilden können. Wenn dann die Politik zur Laienausbildung zurückkehrt, weil die Fahrschulen nicht mehr die Ausbildung gewährleisten können, bleibt denen, die eine Verschärfung gefordert haben, nur noch, sich auf die Schulter zu klopfen und sich dazu zu beglückwünschen, wenigstens in Schönheit gestorben zu sein. Das sollte nicht unter Weg sein.

  3. Vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht Hr. Fiek. Den Verlauf des Gerichtstages hatten sich sicher Einige anders erhofft. Traurig.

  4. Es darf nicht wahr sein. Aber das ist mein Reden seit vielen Jahren. Fahrlehrer können nicht mit der Zeit gehen. Viele haben den Schuss einfach noch nicht gehört. Leider konnte ich in Goslar nicht dabei sein. Herr Fiek hat Recht.

  5. Pingback Fahrlehrerverband zementiert Blockadehaltung • Sascha Fiek

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