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Abschied von meinem Vater

Geliebter Vater,

auch wenn du selbst diese Zeilen nicht mehr lesen kannst, so ist es mir dennoch wichtig, mich ein letztes Mal direkt an dich zu wenden. In unserer Familie ist die Leidenschaft seit Generationen groß, Worte und Emotionen zu Papier zu bringen, weil wir manches besser niederschreiben als aussprechen können. Oft haben wir über den berühmten „Brief an den Vater“ von Franz Kafka geredet, der uns beide tief bewegt hat. Ich habe nun allerdings das große Glück, dir unter völlig veränderten Vorzeichen und ganz anderen Umständen zu schreiben. Denn kein Groll und keine Wut, sondern Freude und Dankbarkeit sind es, die meine Hände über die Tastatur gleiten lassen. Du warst ein Mann der Öffentlichkeit und genauso öffentlich möchte ich daher auch einige wenige Eindrücke teilen, um deiner auf diese Weise zu gedenken.

Dies muss genau jetzt geschehen, noch bevor die kalte Erde deinen leblosen Körper empfängt. Denn du warst ein Mann, der immer gerne live dabei war. Dich interessierten die Dinge, die im Jetzt geschahen. Du hattest den Puls an der Zeit und den Menschen. Du liebtest die Informationen nur, wenn sie warm und frisch waren und nicht aus der Konserve kamen.  Dein Leben war es, eine Information in der einen Sekunde aufzunehmen und schon in der nächsten Sekunde weiterzugeben. Auch wenn du eine gefühlte Million Dokumente und Bilder gesammelt hast, so konntest du dich doch nie so recht nach diesen umschauen, denn vor dir lag stets eine neue Erfahrung, die es zu erleben galt. Ich denke zum Beispiel an 1984, als wir gemeinsam die olympischen Spiele in Los Angeles auf zwei Fernsehern nächtelang parallel verfolgt haben. Zusammenfassungen waren dir zuwider, ein Sportereignis machte nur Sinn, wenn du live dabei sein konntest und dies hast du dir behalten bis zu deinen letzten olympischen Spielen vor wenigen Wochen, die du noch einmal rund um die Uhr verfolgt und dabei mit den Athleten mitgefiebert hast. 

Dein letztes großes Fest zum 80. Geburtstag

Daher wollte auch ich nicht warten, bis ich nur aus der Erinnerung erzählen kann, sondern während ich dich noch höre, spüre und sehe. Unser beider Lieblingsmaler, Salvador Dalí, soll einmal gesagt haben, dass in jedem Abschied die Geburt einer Erinnerung liegt. Was ich im Moment erfahre, geht jedoch weit über eine einzelne Geburt hinaus. Es ist vielmehr die Eruption eines gewaltigen Vulkans, der eine Flut von Erinnerungen an unser gemeinsames Leben in Form von heißer Lava in die Luft schleudert, die mich für den Augenblick förmlich überwältigt. Wir wissen, dass die dampfende glühende Masse, die sich nach ihrem Tanz in der Luft mächtig in das Tal windet,  das wundervolle Potenzial in sich birgt, neuer Nährboden zu werden. Und so tröste ich mich über die Angst des Erkaltens hinweg. Denn was unser gemeinsamer Vulkan jetzt ausspuckt, wird zwar unweigerlich zu kaltem Stein, aber genau in diesem steckt der Nährstoff für neue Erinnerungen und Erfahrungen, die auf dem basieren, was war. Und es war wahrlich viel.

Kein Wunder, denn du warst immer in Bewegung und standest fast nie still. Wir sind gemeinsam im Heißluftballon gefahren, haben uns im Helikopter in die Luft geschraubt, sind im Zeppelin durch die Lüfte geglitten, wurden am Parasailingschirm die Küste entlang gezogen, haben in Flugzeugen die Wolken bestaunt, uns auf Achterbahnschienen in die Tiefe gestürzt, haben auf Eisenbahnschienen die Landschaft bewundert, sind in deinem geliebten Manta durch Freiburgs Straßen geflitzt, wurden im Jeep durchgeschüttelt, sind im Schnellboot über Wellen gesprungen, auf dem Katamaran in türkisem Meer gesegelt und zu deinem 70. Geburtstag kamst du zu allem hin noch auf einem Kamel in das Zelt geritten. Einzig durch das All zu schweben hat noch gefehlt, doch das hol ich nach und berichte dir dann.   

Du hattest immer das Außergewöhnliche im Sinn und wolltest hinter die Kulissen blicken. Bei deiner Messe- und Zirkusleidenschaft genügte es dir natürlich nicht, nur Besucher zu sein, der staunt und genießt, nein, du wolltest mitten drin sein und wissen, wie sich alles fügt beim fahrenden Volk. Im Laufe der Zeit hast du dort viele gute Freunde gewonnen und ich habe es immer genossen, wenn wir gemeinsam quasi bei einer Art zweiter Familie in all den Zirkuswagen und Wohnwagen der Schausteller gesessen sind und geplaudert haben. Unvergessen sind all die schönen Momente, als wir beispielsweise den weltberühmten Clown Oleg Popov kennengelernt haben, beim Zirkusfestival in Monaco waren oder du das Tigerbaby Saskia in der Zirkusmanege taufen durftest.  

Für dich stand immer der einzelne Mensch und nicht ein wie auch immer geartetes Kollektiv im Zentrum deines Handelns und Denkens. Ob bei deinem privaten oder deinem beruflichen Engagement im Rahmen der Aktion Weihnachtswunsch, stets wolltest du die Umstände und Hintergründe des Einzelschicksals ergründen, um dann gezielt zu helfen und zu unterstützen. Wenn du gespendet und gefördert hast, konntest du das immer mit einem Gesicht verbinden. Als Kind des Krieges, das sich aus der Armut herausarbeiten musste, hast du nie vergessen, wie wichtig es ist, denen zu geben, die Hilfe benötigen. Großzügigkeit gehörte ohne Zweifel zu deinen Tugenden. Und dass du dich dabei auch das ein oder andere Mal mehr oder weniger bewusst ein wenig übers Ohr hast hauen lassen, machte dich in meinen Augen nur umso liebenswerter. 

Es wird vermutlich Jahre dauern, bis wir deinen Schatz an Fotos und Erinnerungsstücken auch nur gesichtet haben. Denn du warst, wie oben geschildert, nicht einfach nur in Bewegung, sondern hast alles fein säuberlich dokumentiert. Tausende Bilder und Negative unserer gemeinsamen Reisen warten darauf, wiederentdeckt zu werden. Du hast mir die Welt gezeigt und das war eines der größten Geschenke für mich. Quer durch Europa, nach Afrika, Amerika, nach Asien oder in die Karibik hast du mich geführt. Nie werde ich vergessen, wie du stundenlang im Sand des Strands in Togo mit den Einheimischen gesessen bist, um dir von ihrem Leben und ihrer Situation berichten zu lassen. Nie wolltest du irgendwo nur faul an einem Pool liegen, sondern dich hat es immer ins Hinterland gezogen, dorthin, wo das echte Leben stattfindet. Mit Leib und Seele warst du auch im Urlaub Reporter und konntest deine Mitmenschen mit spannenden Geschichten über deine Erlebnisse begeistern. 

Weißt du noch, wie du mich Pünktlichkeit gelehrt hast? Damals, als ich 13 Sekunden nach Mitternacht nach Hause kam und somit zu spät war? Schon beim Aufschließen der Tür wusste ich, dass das eine Strafe nach sich ziehen würde. Und hey, die Woche darauf eine Stunde früher heimkommen zu müssen, war wirklich fair. Manche mochten das damals für völlig übertrieben, spießig oder bescheuert gehalten haben. Ich aber nicht. Ich war auch dafür dankbar und das verrückterweise schon in dem Moment selbst. Das Wesen der Grenze ist es nun einmal, dass es sich um eine Grenze handelt, egal wie klein das Überschreiten derselben ist. Und dass ich bis heute Pünktlichkeit als einen Wert an sich schätze, hat mir bestimmt nicht geschadet.

Wenn wir schon gerade bei den Tugenden sind, möchte ich auch deine Unbestechlichkeit nicht unerwähnt lassen, auf die du besonders stolz sein darfst. Dein Beruf hat es mit sich gebracht, dass interessierte Kreise es immer wieder versucht haben, deine Berichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Oft hast du mir berichtet, was du dafür geboten bekommen hast oder wie dir auch manches Mal gedroht wurde. Doch du bist immer standhaft und dir und deinem Berufsstand treu geblieben. Mit Fug und Recht kann man daher sagen, dass du ein Vorbild für die Arbeit eines Journalisten warst und bist, zumal du deine Integrität immer gewahrt hast. 

Unser Bild im gemeinsamen Wahlkampf 2009

Auch mein persönlicher politischer Werdegang ist untrennbar mit dir verknüpft. Vermutlich so ab dem 6. Lebensjahr gehörte die tägliche Tagesschau mit dir zum abendlichen Pflichtprogramm. Wo du warst, da waren auch Nachrichten oder Zeitungen. Hautnah erlebte ich daher schon als Kind die großen Entwicklungen und bekam ein Gespür dafür, was auf der Welt geschah. Vom kalten Krieg bis zum Fall der Mauer, von Tchernobyl bis zu den kommunalen Verästelungen der Hausbesetzerszene, wir hatten unendlich viele Gesprächsthemen, über die wir zum Teil hitzig diskutierten und bei denen wir zugegebenermaßen nicht immer einer Meinung waren. Als Teenager brauchte ich dann auch gerade auf diesem Feld die maximale Abgrenzung. Musik und Texte des Politpunks waren plötzlich für mich das Ideal, um ja nicht in bürgerlicher Spießigkeit zu enden. Damals waren wir ohne Frage gedanklich sehr weit voneinander weg und wir haben uns gegenseitig sogar einigen Kummer bereitet. Aber eines haben wir tief in uns nie verloren, nämlich den Respekt füreinander und so konnten wir auch diese Phase ohne größere Narben überwinden. Ohne dein Zutun bin ich dann doch in einer Partei gelandet, für die ich 2009 sogar beinahe in den Bundestag eingezogen wäre. Trotz des von mir an den Tag gelegten eigenen Fleißes war meine Wahl in den Gemeinderat im gleichen Jahr auch dadurch begünstigt, dass dank deiner Arbeit unser Namen in unserer Stadt in vielen Köpfen positiv besetzt war und ich viele Facetten Freiburgs bereits kannte. Und wo immer ich als Stadtrat war, da traf ich auch Menschen, die dich kannten, schätzten und von zahlreichen Begegnungen mit dir berichten konnten.

An deinem letzten Morgen wachte ich mit der Meldung auf, dass Stephen Hawking gestorben ist und ich wusste trotz aller innerer Gegenwehr bereits in diesem Moment, dass auch du ihm an diesem Tag folgen würdest. Ich musste sogar einen Moment schmunzeln, denn das war geradezu symbolisch. Als meine Leidenschaft in jungen Jahren für die Naturwissenschaften entbrannte, war „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Hawking das erste Buch, das du mir geschenkt hattest, um mich in meinem Wissensdurst zu fördern. Die Vorstellungen und Ideen über die Entstehung und das Wesen von Raum und Zeit, der Zusammenhang zwischen Quantenmechanik und dem Makrokosmos oder die Existenz der Menschen in diesem Gefüge haben mich von diesem Augenblick stets fasziniert und begleitet, nicht nur bis zu meinem Examen, sondern auch darüber hinaus. 

Ach, ich könnte noch so vieles über dich sagen. Wollte ich auch nur die außergewöhnlichsten Begebenheiten niederlegen, so wäre dies hier kein Brief mehr, sondern ein Buch. Doch jetzt will ich mich für mich allein dem schönen Strom der Erinnerungen hergeben, die uns geprägt haben. Denn was uns verbunden hat, das kann man nur fühlen und nicht mit Worten nach außen tragen. In all deinem Wirken hast du mir Menschlichkeit und Freiheit als Grundpfeiler des Lebens mit auf den Weg gegeben. Ein Ergebnis daraus hast du auch noch erfahren dürfen bei der Veröffentlichung meines ersten Buches, bei dessen Erstellung du mich noch vor wenigen Monaten tatkräftig mit deinem Wissen unterstützt hast. Denn bis zum Schluss waren nur deine Beine, nicht aber dein Geist müde.

Jetzt aber heißt es, nach vorne zu schauen. Nicht nur dein Verlust schmerzt, sondern auch, dass du deinen ersten Enkel um einige Monate verpasst hast. Gerne hätte ich noch die Chance bekommen, euch gegenseitig vorzustellen, doch das ist uns verwehrt geblieben. All meine Hoffnung ist nun darauf ausgerichtet, selbst ein guter Vater werden zu dürfen, um das, was du begonnen hast, im Strom der Evolution fortsetzen zu können. 

Von ganzem Herzen danke ich dir für alles, was du für mich warst und immer sein wirst.

Dein Sohn Sascha

  

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