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Warum Martin Horn eine Chance für Freiburg sein kann

Wer glaubt, dass das Rennen um die OB-Wahl schon entschieden sei, der irrt gewaltig. Der Herausforderer hat zwar einen wichtigen Punktsieg im ersten Wahlgang errungen, doch man darf keinesfalls die konservativen Kräfte unterschätzen, die jetzt aus ihrer behaglichen Schläfrigkeit geweckt worden sind und ihrerseits zur Mobilisierung rufen, um das Ruder nochmal rumzureißen. Selbst große Politikprominenz wird noch eilig angekarrt, um dem geschwächten Amtsinhaber zur Seite zu springen und Solidaritätsgesten zu überbringen, auf dass man dann doch noch im zweiten Wahlgang „richtig wählen“ möge.

In dieser Gemengelage muss allen bewusst sein, dass es jetzt um die viel zitierte Wurst geht und welchen Weg Freiburg künftig einschlagen wird. Ein jeder und eine jede möge sich dabei fragen, ob wir in Freiburg den Status quo einfach nur fortschreiben wollen und es dabei bewenden lassen. Sind wir wirklich so zufrieden mit den Dingen, dass wir uns alle nur noch gegenseitig – vielleicht mit einem Glas Prosecco in der Hand –  auf die Schulter klopfen wollen und uns versichern, wie schön hier alles ist? Kann Freiburg sich eine solche Lethargie wirklich leisten?

Die FDP hat es schön umschrieben, wenn sie von einem Dornröschenschlaf spricht, in den unsere Stadt versetzt worden ist. Man redet gerne über vergangene Zeiten, als Freiburg noch Ökohauptstadt war, man redet gerne über die schöne Region, man macht sich gelegentlich Sorgen um die Wohnungsnot und manchmal redet man sogar darüber, was verbessert werden könnte. Doch bevor dann Taten folgen, braucht es offenbar meist erst ein ausgiebiges Nickerchen, das mit jahrelangem Stillstand verbunden ist. 

Martin Horn scheint dieses Problem erkannt zu haben und gewillt zu sein, die Trägheit zu überwinden, wovon er bereits viele Freiburgerinnen und Freiburger überzeugen konnte. Der Nachholbedarf ist dabei schon heute riesig und geht weit über die dringend nötige Schaffung von bezahlbarem Wohnraum hinaus. In der Verkehrspolitik beschränkt man sich weitgehend darauf, ein paar 30er Schilder mehr aufzustellen, ein paar kleinere Radwege anzulegen und sich ansonsten mit den existierenden Staus abzugeben. Die großen Chancen der aufkommenden Elektromobilität oder die Möglichkeiten zur digitalen Vernetzung und Planung von Verkehrsströmen, die Schaffung von mehr Verkehrssicherheit und vieles mehr, all das wird ignoriert oder links liegen gelassen. In der Haushaltspolitik redet man sich gerne die Verschuldungssituation schön, weil man viele Risiken einfach ausgelagert hat, nur um sich selbst in ein gutes Licht zu rücken. Hier wäre wieder mehr Ehrlichkeit gefordert. Die Bevölkerung hat ein Recht darauf, zu erfahren, was passiert, wenn die Zeit der Niedrigzinsen wieder vorbei ist. In der Umweltpolitik wird zwar viel von Klimaschutz und Ökologie gesprochen, aber viel zu wenig getan. Der Anteil an regenerativ erzeugtem Strom ist nach wie vor zu niedrig und es fehlen Leuchtturmprojekte beispielsweise zum Einsatz von Speichertechnologie. Auch in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und anderen Bereichen beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass man gerade so das nötigste tut, um irgendwie über die Runden zu kommen. Eine echte Strategie oder Zielsetzung, wo Freiburg 2030 stehen will, fehlt jedoch.     

Martin Horn ist kein Mann der lauten Töne, keiner, der im Affekt auf die Pauke haut, und sicher auch kein Revolutionär, sondern ein ganz bodenständiger Typ, dem unbedachtes, impulsives Handeln fremd ist. Er geht offen auf Menschen zu und hat ein Ohr für ihre Anliegen, was zweifellos zu seiner großen Beliebtheit beigetragen hat. Sein größter Vorteil aber ist, dass er noch hungrig ist und etwas im Leben umsetzen will. Ihm reicht es nicht, Dinge einfach nur zu verwalten, sondern er will noch etwas gestalten. Seine ihm gerne vom Gegner unterstellte Unerfahrenheit wird dabei zur Stärke. Er wird die Ärmel hochkrempeln und sich ins Zeug legen müssen, anstatt sich entspannt zurücklehnen zu können. 

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht dazu neige, Personenkult zu betreiben oder in uneingeschränkte Jubelgesänge zu verfallen. Auch Martin Horn wird sich erst noch beweisen müssen und zeigen, dass er tatsächlich den frischen Wind bringt, den man von ihm erhofft. Ich werde ihn daher auch mit einem kritischen Blick betrachten und mich nicht zurückhalten, wenn mir Entwicklungen nicht gefallen. Aber Stand heute, eine Woche vor der Wahl, repräsentiert er für mich die Hoffnung auf einen Neuanfang und eine echte Chance für Freiburg, die es auszuprobieren gilt, um dem aktuellen Stillstand zu entkommen.  

 

3 Responses
  • Helena Beck
    29. April, 2018

    Ehrlich gesagt wundert es mich dass Sie jemand unterstützen der vor einem Jahr noch als Laienprediger
    aufgetreten ist.

    https://rdl.de/beitrag/christlich-charismatischer-predigt-style-demn-chst-von-freiburger-stadtspitze

    Sie neigen nicht dazu, Personenkult zu betreiben oder in uneingeschränkte Jubelgesänge zu verfallen.
    Das finde ich gut. Herr Horn und seine Unterstützer von der charismatischen Freikirche „International Christian Fellowship“ mit fragwürdigem Charakter allerdings schon.

    Es scheint, mit einem OB Horn bekämen wir eine Doppelspitze in Feiburg: Martin Horn und „Jesus inside“.

    Ich kann mir nicht vorstellen die Mehrheit der Freiburger wäre wirklich erfreut über so einen blinden Passagier am Ruder?

    • Sascha Fiek
      29. April, 2018

      Trotz meiner kritischen Haltung zu Kirche und Religion erwarte ich als Humanist zunächst schon, dass wir religiösen Menschen mit dem gebotenen Respekt begegnen. Nur weil jemand Christ ist oder einer anderen Religionsgemeinschaft angehört, ist das noch lange kein Grund, ihn als ungeeignet für öffentliche Ämter einzustufen. Die auch von mir stets eingeforderte Trennung von Kirche und Staat bedeutet nicht, dass ein gläubiger Mensch keine Aufgaben in einer Verwaltung wahrnehmen darf. Es darf lediglich keine Vermengung zwischen Angelegenheiten des privaten Glaubens und der Ausübung des Amts geben. Solange der Einzelne in den Versammlungsstätten seiner Religionsgemeinschaft oder bei sich zu Hause betet, tanzt, singt, segnet oder sonstige Rituale vollführt, ist das in meinen Augen eine Sache der persönlichen Religionsfreiheit, die zu den Grundrechten der Menschen in diesem Land gehört. So sehr ich für eine religionskritische Haltung im Leben werbe, so wenig will ich eine Diskriminierung derjenigen, die sich anders entschieden haben. Insofern sehe ich keinen Grund, warum ein Christ nicht auch OB werden sollte. Unredlich wäre es, einem Kandidaten zu unterstellen, dass er sein christliches Engagement in unzulässiger Weise auf sein Amt überträgt, sofern es darauf keinerlei Hinweise gibt. Solange gilt die Religionsfreiheit auch für OB-Kandidaten.

  • Birgit
    2. Mai, 2018

    Also er soll alles mögliche anpacken, das Geld kostet („Leuchtturmprojekte“, günstiger Wohnraum,…) und gleichzeitig Geld einsparen, um die Schulden abzubauen. Ich habe bisher noch nicht gehört, wo er denn sparen will. Bisher ging es immer nur ums Geldausgeben. Seit wann stehen sie denn für eine derartige Ausgabenpolitik? Schade!

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